Wie die Stadt Cottbus ein Planetarium erhielt

(Auszug aus der Festzeitung zum 30 jährigem Bestehen des Planetariums)


Die Geschichte des Cottbuser Planetariums begann weit vor seiner Eröffnung im April 1974. Sie reicht zurück bis indas Jahr 1967. Wir haben die Väter des Planetariums gebeten, uns aus der Erinnerung heraus einmal mitzuteilen, warum nun ausgerechnet Cottbus eine solche Einrichtung erhielt. Immerhin gab es in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren bedeutendere Städte in der DDR. Dresden und Leipzig zum Beispiel waren Großstädte und Wissenschaftsstandorte, ganz zu schweigen von der Hauptstadt Berlin. Aber gerade in Cottbus, zwar Bezirksstadt und Zentrum der Kohle- und Energiewirtschaft, aber eine Stadt mit nur etwa 90.000 Einwohnern, wurde das erste Raumflugplanetarium in der DDR eröffnet.

Der Gedanke, in Cottbus eine solche Einrichtung aufzubauen entstand bereits 1966 mit dem Kauf der Ausrüstung für die Sternwarte der 10. Polytechnischen Oberschule. 1967 besuchte der Cottbuser Oberbürgermeister Heinz Kluge mit weiteren Vertretern der regionalen Verwaltung die neu erbaute Schule in der Gartenstraße. Schuldirektor Gerhard Zilz und Schulrat Dieter Barsig hatten tatsächlich durchgesetzt, dass auf dem Dach dieser Schule eine Sternwarte errichtet wurde. Mit bei dieser Besichtigung war der damalige Vorsitzende der Stadtplankommission Heinz Petzold. Der Mathematik- und Naturkundelehrer Alfred Müßiggang lud ihn und drei weitere Stadtverordnete zu einem Beobachtungsabend in die Sternwarte ein. Dabei gelang es ihm, bei seinen Gästen die Faszination für die Sterne zu wecken. Der Gedanke einer größeren Schulsternwarte war geboren.

Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1968 stellte Carl Zeiss Jena sein neues Raumflugplanetarium vor. Der Zufall wollte es, dass auch Heinz Petzold und weitere Cottbuser an einer Vorstellung des Gerätes teilnahmen. Solche Planetarien wurden damals als Großaufträge nach Indien und Brasilien verkauft. Die Cottbuser zeigten Interesse und auch die Manager von Carl Zeiss hätten gern ein solches Planetarium als Referenzobjekt für ausländische Kunden in der DDR errichtet. Dafür stellten sie gute Konditionen in Aussicht. Heinz Petzold, wie gesagt durch eigenes Erleben von den Sternen fasziniert, unterzeichnete eine sogenannte „Interessenvereinbarung“. Diese war noch mehr oder weniger unverbindlich, da er keinerlei Legitimation für Verhandlungen durch die Stadt Cottbus besaß.

Beim Rat der Stadt Cottbus war man jedoch zunächst zurückhaltend. Immerhin musste ein solches Projekt in Ruhe durchdacht, entsprechende Mittel bilanziert und die Frage geklärt werden, ob es nicht wichtigere Dinge als ein Planetarium gab. Doch an entscheidenden Stellen der Stadt saßen Personen, die letztendlich risikobereit genug waren, den Bau eines nicht bilanzierten Planetariums in die Wege zu leiten. Dazu gehörten neben den schon genannten Heinz Petzold und Oberbürgermeister Heinz Kluge auch der Stadtschulrat Dieter Barsig und sein Stellvertreter Werner Bielagk.

Um das Projekt weiter voran zu treiben wurde im Volkswirtschaftsplan der Stadt 1969 die weise Formulierung aufgenommen: „Mit der Vorbereitung zum Bau eines Schulplanetariums ist zu beginnen. Der Volkswirt-schaftsplan 1970 wies es dann als „Gesellschaftliche Einrichtung des komplexen Wohnungsbaus im Wohnkomplex VIII“ aus, obwohl der Stadtbaubetrieb damit beauftragt wurde. Der stellvertretende Stadtarchitekt Wolfgang Brenzel schlug den heutigen Standort in Sandow vor.

Das Wohnungsbaukombinat Cottbus lehnte den Bau mangels Spezialisierung ab. Wolfgang Brenzel fand jedoch eine Firma aus Binz für die Torkretierungsarbeiten am komplizierten Kuppeldach. Überhaupt war es eine Meisterleistung von Wolfgang Brenzel, Gerhard Zilz und Ingenieuren des Stadtbaubetriebes, dass der Bau vorankam. Geld war vorhanden, aber keine Baukapazität und kein Material. Lehrlinge des Stadtbaubetriebes begannen mit den Arbeiten, die Firma Schupp aus Cottbus fertigte den Ringanker. Wie uns von den Beteiligten unter der Hand versichert, war so manches „Gastgeschenk“ notwendig, damit dieser „Schwarzbau“ vorankam. Die Kuppelgrundkonstruktion schließlich wurde unter Leitung von Wolfgang Brenzel und dem späteren Leiter des Planetariums, Günter Golka, in freiwilliger Arbeit durch Lehrer und Armeeangehörige durchgeführt.

Die Anwohner am Lindenplatz verfolgten teils neugierig, teils misstrauisch das Baugeschehen. Es war nicht bekannt, was hier entstehen sollte. Mit dem Wachsen des Rundbaus und der geflochtenen Stahlkonstruktion für die Kuppel entstanden die wildesten Gerüchte. Sie reichten vom Bau einer öffentlichen Bedürfnisanstalt bis hin zu Errichtung eines Affenkäfigs an der Spree.

Affenhaus

Der 1970 abgeschlossene Kaufvertrag zur Lieferung des Gerätes wurde durch die kommunal-wirtschaftlichen Bezie-hungen der Stadt mit den Cottbuser Betrieben VVB Kraftwerke, RAW Cottbus, VEM Stark-stromanlagenbau, GRW Teltow, der Reichs-bahndirektion Cottbus und der Energie-versorgung Cottbus realisiert, die im Austausch für zweckgebundene Neu-bauwohnungen finanzielle Mittel zur Verfügung stellten. Auch Lottomittel, welche die Stadt vom Rat des Bezirkes erhielt, sicherten im Herbst 1971 die Auslieferung der Planetariumstechnik.

Inzwischen hatte die Stadt Olsztyn in Polen ein Planetarium in Jena gekauft. Ein weiteres Planetarium wurde damals in Brasilien gebaut. Der Export hatte natürlich Vorrang. Und der Bauablauf in Cottbus war schwierig. Es gab Verzögerungen. Deshalb musste das Plane-tariumsgerät zunächst in der heutigen Blechenschule in der Bahnhofstraße eingelagert werden.

Das führte unter anderem dazu, dass nicht in Cottbus, sondern in Olsztyn das erste Raumflugplanetarium der Welt von Carl Zeiss Jena aus Anlass des 500. Geburtstages von Nikolaus Copernikus eröffnet wurde. Doch mit dem 26. April 1974 belegte Cottbus immerhin den Platz zwei.

Für diejenigen, die heute das Planetarium betreiben, ist das Haus deshalb viel mehr als eine wissenschaftliche und kulturelle Einrichtung. Es ist ein Denkmal. Ein Denkmal für eine planerische, bauliche und technische Meisterleistung in einer Zeit, die heute gern wegen ihrer ökonomischen Bedingungen gering geschätzt wird. Aber wer sich ein wenig mit der Geschichte des Cottbuser Planetariums aus-einandersetzt, der bemerkt sehr schnell: Damals wie heute kann mit Initiative, Entschlusskraft und Einsatzbereitschaft auch das scheinbar Unmögliche geschafft werden.



 


Wir danken für die umfangreichen Zuarbeiten
dem damaligen Cottbuser Oberbürgermeister Heinz Kluge
dem damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Stadtplankommission Heinz Petzold
dem damaligen Stadtarchitekten Wolfgang Brenzel
und dem damaligen Direktor der 10. POS Cottbus und späteren Stadtschulrat Gerhard Zilz.

Gerd Thiele